Verfasst von: Dr. Who | 15.10.13

667 | China fordert neue Weltreservewährung – und neue Weltordnung

von Tyler Durden

Wir gehen davon aus, dass es Zufall ist, dass am gleichen Tag, dem vergangenen Sonntag, als wir über den schier unersättlichen Appetit Chinas auf Gold berichteten, der unserer und der Meinung vieler anderer nach durch das Streben des Landes angetrieben wird, wenn es denn einmal soweit ist, auf eine goldgedeckte Reservewährung gut vorbereitet zu sein, von der offiziellen regierungsamtlichen chinesischen Presseagentur Xinhua ein Gastkommentar von Liu Chang veröffentlicht wurde, in dem er erklärt, der amerikanische Haushaltsstreit rechtfertige den Aufbau einer von amerikanischer Vorherrschaft befreiten Welt, und unverhohlen anregt, die Weltgemeinschaft solle über eine neue Weltreservewährung nachdenken, »die geschaffen werden muss, um den vorherrschenden US-Dollar zu ersetzen, so dass sich die Weltgemeinschaft auf Dauer den Folgen der sich verschärfenden innenpolitischen Spannungen in den USA entziehen kann«.

Wenn es China ernst damit ist und die Weltgemeinschaft sich aus freien Stücken daran macht, einen derartigen (r)evolutionären Übergang zu einer neuen Reservewährung zu vollziehen, dann werden alle Theorien vom »Goldesel«, nach denen das einzige, was noch besser als praktisch unbegrenzte Schulden wäre, noch mehr unbegrenzte Schulden seien, da landen, wo sie hingehören – auf dem Müllhaufen der Geschichte absurder Theorien.

Vergessen wir nicht, China ist der zweitgrößte ausländische Gläubiger, was amerikanische Staatsanleihen angeht, und der zweitgrößte Geldgeber der USA, hinter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) natürlich, die monatlich 85 Mrd. Dollar in das US-Finanzsystem einspeist, um die Zinsen auf ihrem niedrigen Stand zu halten. Hier nun einige der Kerngedanken aus dem Xinhua-Gastkommentar:

  • Eine Reform des Weltfinanzsystems sollte die Einführung einer neuen internationalen Reservewährung einschließen, die den Dollar ersetzt.
  • Die Weltgemeinschaft könnte sich auf diese Weise auf Dauer den Auswirkungen der sich verschärfenden innenpolitischen Turbulenzen entziehen.
  • Die haushaltspolitische Hängepartie in den USA bietet einer »verwirrten Welt« eine gute Gelegenheit, sich über eine »de-amerikanisierte« Welt Gedanken zu machen.
  • Die haushaltspolitische Sackgasse, in die sich die USA hineinmanövriert haben, gefährdet die Dollar-Devisen vieler Länder und lähmt die internationale Gemeinschaft.
  • Die »de-amerikanisierte« Welt sollte auf anderen Fundamenten ruhen, wie Respektierung der Souveränität, Anerkennung der Autorität der Vereinten Nationen (UN) beim Umgang mit Krisenpunkten weltweit. Zugleich sollte den sich entwickelnden und aufstrebenden Marktwirtschaften ein größeres Mitspracherecht in den wichtigen internationalen Finanzinstitutionen eingeräumt werden.
  • Ziel dieser Veränderungen ist es nicht, die »USA völlig an den Rand zu drängen«. Es geht vielmehr darum, Washington zu ermutigen, eine konstruktivere Rolle bei der Regelung weltweiter Angelegenheiten zu spielen.

Sollte es dazu kommen, dass der US-Dollar nicht länger die internationale Reservewährung darstellt, ist es an der Zeit, dass sich Amerika vom Status als Supermacht oder als wie auch immer geartetem Machtfaktor, der sich gegenwärtig ausschließlich auf den Status des US-Dollars als internationaler Reservewährung und die Möglichkeit gründet, die Hälfte des amerikanischen Haushaltsdefizits über die »gelockerte Geldpolitik« der Fed zu finanzieren, verabschiedet.

Denn der Status als Reservewährung ist nur von begrenzter Dauer, wie die Geschichte lehrt. Hier nun Liu Changs vollständiger Gastkommentar:

Haushaltspolitisches Versagen der USA rechtfertigt »de-amerikanisierte« Weltordnung

 Während noch amerikanische Politiker der beiden großen Parteien zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress hin und pendeln, ohne jedoch bisher eine tragfähige Lösung ausgehandelt zu haben, die in dem politischen Gemeinwesen, von dem sie gerne so vollmundig reden, wieder Normalität einkehren lässt, bietet sich vielleicht der verwirrten Welt eine gute Gelegenheit, damit zu beginnen, sich über den Aufbau einer von der amerikanischen Vorherrschaft befreiten Weltordnung Gedanken zu machen.

Seit die USA aus dem Blutvergießen des Zweiten Weltkriegs als das mächtigste Land weltweit hervorgingen, haben sie immer versucht, ein weltweites Empire zu errichten, indem sie der Welt eine Nachkriegsordnung aufzwangen, den Wiederaufbau in Europa förderten und Regimewechsel in Ländern ermutigten, die sie kaum als amerikafreundlich bezeichnen konnten.

Vor dem Hintergrund ihrer scheinbar konkurrenzlosen wirtschaftlichen und militärischen Macht erklärten die USA, dass sie praktisch in jeder Ecke der Welt nationale Interessen hätten, die sie schützen müssten, und gewöhnten es sich an, sich in die Angelegenheiten anderer Länder und Regionen weitab ihrer eigenen Grenzen einzumischen.

Inzwischen erhebt die amerikanische Regierung vor der Weltöffentlichkeit den Anspruch, als die eine Supermacht aufzutreten, die aus moralischen Gründen agiere, während sie verdeckt unverfroren Gefangene foltert, Zivilisten bei Drohnenangriffen töten lässt und führende Persönlichkeiten weltweit ausspioniert.

Diese Pax Americana hat aus unserer Sicht nicht zu einer Welt geführt, in der die USA dazu beitragen, Gewalt und Konflikte zu entschärfen, Armut und Vertreibung zu lindern und der Welt wirklichen, anhaltenden Frieden zu bringen.

Statt seinen Verpflichtungen als verantwortlicher, führender Weltmacht gerecht zu werden, hat das selbstsüchtige Washington seinen Status als Supermacht missbraucht und die Welt in noch größeres Chaos gestürzt, indem es finanzielle Risiken auf das Ausland abwälzte, regionale Spannungen im Zusammenhang mit territorialen Streitigkeiten schürte und eigenmächtig Kriege führte, die zudem noch auf Lügen basierten.

Infolgedessen hat die Welt immer noch mit den Auswirkungen einer verheerenden wirtschaftlichen Katastrophe zu kämpfen, für die die gierigen Eliten der Wall Street verantwortlich sind. Währenddessen sind die Bombardierungen und Tötungen im Irak praktisch zur alltäglichen Routine geworden, nachdem Washington schon vor Jahren behauptet hatte, das Land von seinem Tyrannen befreit zu haben.

Und erst vor Kurzem hat die zyklisch wiederkehrende Stagnation in Washington bei der Suche nach einer tragfähigen, von beiden Parteien akzeptierten Verabschiedung des Haushalts und der Genehmigung, die Schuldenobergrenze ein weiteres Mal anzuheben, viele Länder, die über erhebliche Dollar-Devisen verfügen, schweren Risiken ausgesetzt und die internationale Gemeinschaft in hohem Maße gelähmt.

Diese beängstigenden Tage, in denen das Schicksal vieler Länder in den Händen einer scheinheiligen Nation liegt, müssen ein Ende finden, und es sollte eine neue Weltordnung errichtet werden, in der die wichtigen Interessen aller Länder, seien sie groß oder klein, reich oder arm, gleichermaßen und gleichrangig respektiert und geschützt werden.

Deshalb sollten verschiedene Ecksteine in dem Fundament einer de-amerikanisierten Weltordnung eingebaut werden.

Für den Anfang sollten sich alle Länder verpflichten, die grundlegenden Prinzipien des Völkerrechts, wie Respekt der Souveränität und Verzicht auf die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, einzuhalten.

Darüber hinaus muss die Autorität der Vereinten Nationen beim Umgang mit Krisenpunkten weltweit anerkannt werden. Dies bedeutet, dass niemand das Recht hat, ohne UN-Mandat in irgendeiner Weise militärisch gegen andere Länder vorzugehen.

Zudem muss das Weltfinanzsystem in wesentlichen Aspekten reformiert werden.

Den sich entwickelnden und aufstrebenden Marktwirtschaften muss in den wichtigen internationalen Finanzinstitutionen, wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), größere Mitsprache eingeräumt werden, so dass diese Einrichtungen die Verwandlung der Weltwirtschaft und der politischen Landschaft besser widerspiegeln.

Wichtiger Teil einer wirksamen Reform sollte es auch sein, eine neue internationale Reservewährung einzuführen, die den gegenwärtig vorherrschenden US-Dollar in dieser Funktion ablöst. Auf diese Weise könnte sich die Weltgemeinschaft auf Dauer den Auswirkungen der sich verschärfenden innenpolitischen Turbulenzen in den USA entziehen.

Ziel dieser vorgeschlagenen Reformen ist es selbstverständlich nicht, die USA völlig an den Rand zu drängen, das wäre unmöglich. Vielmehr soll Washington dadurch ermutigt werden, eine konstruktivere Rolle bei der Regelung der weltweiten Angelegenheiten zu spielen.

Zu allen diesen Vorschlägen gehört auch die Forderung an die Adresse der Washingtoner Politiker, zuallererst die gefährliche Pattsituation zu beenden.

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