Verfasst von: Dr. Who | 26.2.14

703 | Historische Wahrheit

Quelle: RIA Novosti

WIEN, 24. Februar (RIA Novosti). Am 26. Februar findet in der Diplomatischen Akademie Wien ein Festakt anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Österreich statt. Ein weiteres Jubiläum, das dabei begangen wird, ist der 525. Jahrestag der ersten diplomatischen Kontakte zwischen Moskau und Wien. Im Vorfeld dieses Datums beantwortete Bundespräsident Heinz Fischer Fragen von RIA-Novosti-Korrespondent Andrej Zolotov.

RIA Novosti: Was für ein Jubiläum begehen wir Ihrer Meinung nach am 26. Februar? Welche Bedeutung sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit haben und hatten die Beziehungen mit Russland für Österreich? Welche Ereignisse sehen Sie als wichtige Beispiele?

H.F.: Wir feiern am 26. Februar den 90. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Österreich und wissen, dass zugleich die Beziehungen zwischen Russland und der Habsburger Monarchie bereits 525 Jahre alt sind.

Die Beziehungen zwischen Österreich und Russland sind gut, stabil und wertvoll.

Besonders Ereignisse, die es verdienen, hervorgehoben zu werden, sind die wichtige und opferreiche Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Österreichs von der Naziherrschaft im April 1945, die wichtige und konstruktive Rolle der Sowjetunion beim Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages im Jahr 1955 sowie der Aufbau erneuerter, aber ebenso stabiler Beziehungen in der Zeit nach dem Übergang von der Sowjetunion zur Russischen Föderation Anfang der 90er Jahre.

RIA Novosti: Gibt es einen Unterschied zwischen den österreichisch-russischen und den EU-russischen Beziehungen?

H.F.: Alle Länder der Europäischen Union einschließlich Österreichs wissen, dass Russland ein großes und wichtiges Land ist. Ein Land mit großen Energiereserven, mit Atomwaffen, ein ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und ein Land mit eindrucksvollen kulturellen Leistungen.

Daher sind alle vernünftigen Menschen in Europa und in Russland der Meinung, dass die Beziehungen zwischen diesen beiden großen Regionen von großer Wichtigkeit sind und sorgfältig gepflegt werden müssen. Man kann aber nicht übersehen, dass die Beziehungen der einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu Russland in der jüngeren Geschichte beträchtliche Unterschiede aufweisen: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind anders verlaufen als die Beziehungen zwischen Lettland und Russland; und die österreichisch-russischen Beziehungen anders als die polnisch-russischen Beziehungen; daraus ergibt sich, dass die Beziehungen zwischen Österreich und Russland einfacher und weniger kompliziert sind als die Beziehungen zwischen Russland und der EU, die alle ihre Mitgliedsstaaten zu berücksichtigen hat.

RIA Novosti: Was bedeutet Russland für Sie persönlich? Haben Sie einige wichtige persönliche Erinnerungen, die mit Russland oder Russen verbunden sind?

H.F.: Meine persönlichen Erinnerungen an russische Soldaten reichen zurück bis zum Jahr 1945.

Als am 15. Mai 1955 in Wien der Österreichische Staatsvertrag abgeschlossen wurde, war ich in meinem 17. Lebensjahr und im Gymnasium. Ich gehörte zu jenen vielen Wienerinnen und Wienern, die vor dem Belvedere den Abschluss des Staatvertrages feierten. Mein Vater war Staatssekretär in der damaligen Regierung und hat zu Hause viel über die Verhandlungen erzählt. Als der Staatsvertrag von den Außenministern der vier Großmächte unterzeichnet wurde, haben mir die großen eleganten Autos der Außenminister sehr imponiert. Ich glaube, der russische Außenminister Molotow hatte die größte Limousine. 30 Jahre später gab es eine Veranstaltung zum 30. Jahrestag des Abschlusses des Staatsvertrages, an der der sowjetische Außenminister Gromyko teilnahm. Ich war als Wissenschaftsminister zu seiner Betreuung eingeteilt und erzählte ihm von meinen Erinnerungen und Erlebnissen vor 30 Jahren. Aber Gromyko war sehr schweigsam.

Meine erste Reise in die Sowjetunion hatte ich als junger Sekretär im Parlament im Jahr 1963 unternommen. Es war sehr interessant. Mein letzter Besuch in Russland war ein Staatsbesuch als Bundespräsident im Jahr 2011.

RIA Novosti: Während meines Aufenthaltes in Wien beeindruckten mich Ihre symbolischen Gesten sowie die in Reden gesetzten Akzente anlässlich des 75. Jahrestages des Anschlusses Österreichs an Deutschland und der Novemberpogrome. Sie haben auch letztes Jahr zum ersten Mal staatlich den 8. Mai auf dem Heldenplatz gefeiert. Warum machen Sie das? Was ist für Sie das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg?  Wie, glauben Sie, soll das heute ein moderner Staat mit der reichen Geschichte seine komplizierte Vergangenheit betrachten  – mit Stolz, Bedauern, mit beidem oder ganz anders?

H.F.: Österreichs Umgang mit seiner Geschichte rund um den Zweiten Weltkrieg ist ein komplexes Thema.

Ich versuche es kurz zu machen: Am 12. März 1938 ist die Deutsche Wehrmacht auf Befehl Hitlers in Österreich einmarschiert. Österreich hat keinen Widerstand geleistet, und zwar deshalb, weil die Bevölkerung zutiefst gespalten war. Ein Teil der Bevölkerung – und ich fürchte es war der größere Teil der Bevölkerung – war mit dem Einmarsch der deutschen Soldaten einverstanden und jubelte ihnen sogar zu, weil sie durch den Anschluss an Deutschland eine starke Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse erhofften. Ein kleinerer Teil der Bevölkerung lehnte Hitler, seine Diktatur und seine Kriegsvorbereitungen entschieden ab, sah aber keine Chance auf erfolgreichen Widerstand. Somit entstand der optische Eindruck, dass Hitler von allen oder von fast allen in Österreich begrüßt wurde. Das war natürlich, vor allem im Lichte der nachfolgenden Ereignisse, der Kriegsverbrechen und des Holocaust eine Schande und ein großes Problem.

In der Moskauer Deklaration von 1943 wurde dann von der Sowjetunion, England und den USA der Satz geprägt, dass Österreich im Jahr 1938 das erste Opfer Hitlers war.

An diesen Satz klammerten sich viele österreichische Politiker, um den Makel der Jubelstimmung vom März 1938 zu übermalen und in den Hintergrund zu drängen. Und erst viel später, ab den 70er und 80er Jahren, hat man sich Schritt für Schritt zu den wahren historischen Fakten bekannt und die Mitschuld vieler Österreicher an den schrecklichen Verbrechen der Hitlerzeit nicht länger ignoriert. Es ist daher notwendig bei der Betrachtung der eigenen Geschichte das Bemühen um Wahrheit in den Vordergrund zu stellen und das bedeutet, dass man sich zu allen Taten bekennen und für alle Taten Verantwortung übernehmen muss – sowohl für die guten als auch für die schlechten.

RIA Novosti: Ein österreichscher Historiker hat mir in einem Interview gesagt, die Diskussion über die Rolle Österreichs und der Österreicher im Zweiten Weltkrieg sei ein wichtiger Teil der österreichischen Identität. Stimmen Sie dem zu? Kann man diese Diskussion irgendwann beenden?  Glauben Sie, dass ein nationaler Konsensus in solchen Fragen möglich ist?

H.F.: Jawohl, die Diskussion über die Rolle Österreichs und der Österreicher im Zweiten Weltkrieg ist für unser Land sehr wichtig. Einerseits, weil man aus der Geschichte nur dann lernen kann, wenn man die historische Wahrheit kennt und andererseits deshalb, weil die junge Generation von heute ein Recht darauf hat, zu wissen, wie sich Österreich und die Österreicher in der Zeit ihrer Großeltern, vielleicht sogar Urgroßeltern, gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur verhalten haben.

Es ist richtig, dass von manchen immer wieder ein sogenannter „Schlussstrich“ unter diese Diskussionen gefordert wurde. Niemand kann einen solchen Schlussstrich anordnen. Aber je mehr Konsens und Übereinstimmung es bei der Beurteilung unserer Vergangenheit gibt und je mehr Zeit uns von den Verbrechen der NS-Zeit trennt, umso leiser wird die Diskussion zu diesem Thema werden.

RIA Novosti: Wie denkt Österreich an den Ersten Weltkrieg, dessen 100. Jahrestag des Beginns in diesem Jahr stattfindet?

H.F.: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 war eine Jahrhundertkatastrophe und Österreich wird dieser Katastrophe in vielfältiger Weise gedenken. Ich werde im Juni zu einem Staatsakt des Gedenkens einladen, es wird zahlreiche andere Veranstaltungen geben, und wir werden das Gedenken sowohl auf politischer Ebene als auch auf der Ebene der Kunst und der Wissenschaft pflegen.

RIA Novosti: Es gab in Österreich eine große Diskussion vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Was sehen Sie als Resultat dieser Spiele für das Ansehen Russlands und für die österreich-russischen Kontakte?

H.F.: Die Tatsache, dass einige führende Persönlichkeiten Europas öffentlich erklärt haben, die Olympischen Winterspiele in Sotschi nicht zu besuchen, hat auch in Österreich Diskussionen ausgelöst.

Ich selbst bin der Meinung, dass Olympische Spiele ein Ereignis ganz  besonderer Art sind, wobei die politische Komponente nicht im Vordergrund steht, sondern die Freude über ein großartiges, vielfältiges, sportliches Ereignis. Daher hatte ich rasch mit dem Bundeskanzler Einvernehmen erzielt, dass Österreich nicht nur ein großes Team von Sportlerinnen und Sportlern nach Sotschi entsendet, sondern auch unter den Ehrengästen sehr hochrangig vertreten sein wird, nämlich durch den Bundeskanzler und den Verteidigungs- und Sportminister. Alles was ich seither von den Olympischen Winterspielen gesehen und über die Olympischen Winterspiele gelesen habe, hat mich in der Richtigkeit dieser Entscheidung bestätigt. Ich glaube, dass Russland auf die Olympischen Winterspiele 2014 stolz sein kann und dass es von den allermeisten Sportlerinnen und Sportlern, aber auch von den Funktionären positive Rückmeldungen und Berichte gibt.

Meinungsverschiedenheiten bei politischen Themen oder zu Fragen der Menschenrechte kann und soll man bei vielen anderen Gelegenheiten diskutieren.

RIA Novosti: Alle sehen mit großer Sorge die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine – ein Land, mit dem nicht nur Russland, sondern auch Österreich geschichtlich verbunden ist. Was, glauben Sie, können heute die Nachbarn der Ukraine machen, um die Situation dort zu stabilisieren? Ist ein Dialog zwischen der EU und Russland über die Ukraine nötig und möglich?

H.F.: Sie haben recht, dass die Ereignisse in der Ukraine seit längerer Zeit größte Besorgnisse ausgelöst haben und die Entwicklungen der letzten Tage ausgesprochen dramatisch waren.

Ich persönlich bin nicht nur ein überzeugter Gegner von Krieg und militärischen Lösungen bei internationalen Konflikten, sondern auch ein überzeugter Gegner der Anwendung von Gewalt bei innenpolitischen Konflikten. Und das gilt für alle Seiten: Ich bin dagegen, dass die Staatsmacht unangemessene Gewalt anwendet, Schusswaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt etc. Ich bin aber auch dagegen, dass friedliche Demonstrationen in Gewalt ausarten, staatliche Gebäude besetzt werden, Autos angezündet werden etc. In der Ukraine ist beides passiert und entsprechend groß sind die Probleme, die daraus entstanden sind.

Die Bemühungen der drei europäischen Außenminister am Höhepunkt der Krise waren ehrlich und wertvoll, aber es war offensichtlich schon zu spät.

Die jetzige Situation ist noch unübersichtlich und ich fürchte, dass die Ukraine eine schwierige Phase vor sich hat.

Persönlich bin ich der Meinung, dass eine langfristig gute und stabile Entwicklung der Ukraine sowohl gute Beziehungen zu Europa als auch gute Beziehungen zu Russland voraussetzt.

Die Ukraine sollte keine Spannungszone zwischen Europa und Russland sein, kein Streitobjekt, sondern sollte ohne Druck von außen ihren eigenen Weg gehen und eine Brücke zwischen Europa und Russland darstellen.

Das wäre auch wichtig für die ukrainische Wirtschaft und hilfreich für die strategische Partnerschaft zwischen Europa und Russland.

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