Verfasst von: Dr. Who | 18.4.14

813 | Deutsche zweifeln an der West-Allianz

von Anton Troianovski | WSJ

Deutschlands Regierung kritisiert den Kreml scharf für die Rolle in der Ukraine. Aber Uwe Murek, ein 57-jähriger Musiklehrer, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, sieht das anders: Die Bundesregierung solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, meint er. „Deutschland sollte sich da raushalten. Das ist eine Verantwortung gegenüber unserer Geschichte."

Am späten Dienstag teilte die Bundesregierung mit, dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen habe. Beide hätten „eine unterschiedliche Einschätzung der Ereignisse in der Ukraine", ließ die Regierung wissen.

Doch während sich die Diplomatie der Bundesregierung klar im westlichen Lager bewegt, zeigt eine Umfrage von Infratest Dimap, die dem Wall Street Journal zur Verfügung gestellt wurde, dass eine Mehrheit der Jungen, Gebildeten und Ostdeutschen der Meinung ist, dass Deutschland eine neutrale Vermittlerrolle zwischen Russland und dem Westen spielen sollte, statt strikt an der Seite der Westallianz zu stehen.

In der Umfrage, die vom 31. März bis zum 1. April durchgeführt wurde, fragte Infratest Dimap die Deutschen, welche Position ihr Land im neuen „Ost-West-Konflikt" einnehmen sollte. Nur 45 Prozent waren auf Regierungslinie und gaben an, dass Deutschland klar im westlichen Lager bleiben sollte. 49 Prozent dagegen gaben an, Deutschland solle eine „mittlere Position" zwischen Russland und dem Westen einnehmen.

Eine genaue Analyse der Zahlen aus der Umfrage, die bislang noch nicht veröffentlicht wurde, zeigt insbesondere die Skepsis gegenüber der Westallianz unter Jüngeren, Gebildeten und Ostdeutschen. Unter den Unter-30-Jährigen gaben 60 Prozent an, Deutschland solle eine neutrale Position einnehmen.

Die Umfrage zeigt weiterhin, dass Wirtschaftssanktionen gegen Russland in Deutschland weniger Unterstützung finden als in anderen europäischen Ländern. Zudem sind viele Deutsche bereit, die Annexion der Krim durch Russland zu akzeptieren.

Auch wenn sich Russlands Image in den vergangenen Jahren verschlechtert hat, ist gleichzeitig auch die Skepsis gegenüber den USA gewachsen – vor allem durch die Aufdeckung des NSA-Skandals vergangenes Jahr. Angesichts von diplomatischen Tönen in der Ukraine-Krise, die zunehmend an den Kalten Krieg erinnern, sind viele Deutsche darauf bedacht, nicht in den Konflikt eines Alliierten hineingezogen zu werden, dem sie ohnehin misstrauen.

„Ich verstehe nicht, warum sie sich da überhaupt einmischen", sagt Ronald Markgraf, ein 34-jähriger Koch aus Berlin über die Rolle der USA in der Krise. Er sei kein Putin-Fan, betont Markgraf – aber er glaubt, dass der russische Präsident gar keine andere Wahl hatte, als Truppen auf die Krim zu senden, um die militärisch wichtige russische Basis der Schwarzmeerflotte auf der ukrainischen Halbinsel zu schützen.

In vielen Medien wird versucht, das deutsche Verständnis für Russlands Handeln mit einer Faszination für die russische Kultur und einem immer noch nachklingendes Schuldgefühl aus dem Zweiten Weltkrieg, bei dem 20 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten starben, zu erklären.

Einige Meinungsforscher allerdings verweisen auf direktere Ursachen: ein Misstrauen gegenüber den USA und der NATO, insbesondere in Ostdeutschland – und den Wunsch unter wohlhabenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland, ihren Wohlstand zu schützen. Die deutsche Wirtschaft ist stark mit der russischen verwoben: Vergangenes Jahr hatte der Außenhandel beider Länder ein Volumen von rund 100 Milliarden US-Dollar.

„Die Krise in der Ukraine findet in einer Situation statt, in der die Deutschen sich so bewusst sind wie lange nicht, dass es ihnen besser geht als anderen westlichen Staaten", sagt Infratest-Dimap-Chef Richard Hilmer. „Das ist natürlich ein guter Grund dafür, an dieser Offenheit festzuhalten und diese Krise nicht in einen wirklichen Konflikt ausarten zu lassen."

Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sind bei den Deutschen laut Umfragen mit einer Zustimmungsrate von mehr als 70 Prozent noch immer beliebt. Beide haben Russland öffentlich für die Unruhen in der Ostukraine verantwortlich gemacht, bleiben aber zurückhaltend, um Russland nicht zu provozieren.

Andere Kabinettsmitglieder kritisierten Russland unverblümter. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte am Montag, Russland sei offenbar bereit, "Panzer über europäische Grenzen rollen zu lassen". Und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sorgte für einen Aufschrei, als er historische Parallelen zwischen Putins Krim-Annexion und Adolf Hitlers Annexion des Sudentenlandes 1938 von der Tschechoslowakei zog.

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Zeit, sorgte vergangene Woche mit einer Kolumne für ein großes Medienecho, in der er schrieb, dass die Bundesregierung bereits kritischer gegenüber Russland agiere, als es den meisten Deutschen lieb sei.

„So treffen in diesen Wochen Weltsichten aufeinander, die allem Anschein nach längere Zeit nicht miteinander ausgetauscht wurden", schrieb Ulrich. Und: „Putin hat Deutschland erst mal gespalten."

Das russische Fernsehen verwies in den vergangenen Tagen wiederholt auf den Zeit-Artikel, um die Behauptung zu stützen, die deutsche Regierung ignoriere die Meinung der eigenen Bevölkerung. Vergangene Woche hieß es in einem Bericht des russischen Staatsfernsehsenders Rossija über eine Osteuropa-Wirtschaftskonferenz in Berlin, dass die Veranstaltung „das Gefühl bestätigt, dass die deutsche Wirtschaft und deutsche Politiker über Russland in verschiedenen Sprachen sprechen".

Der russische Staatssender zitierte die Zeit-Kolumne auch, um die mangelnde Entschlossenheit in Deutschland zu unterstreichen, auf die Ereignisse in der Ukraine zu reagieren. „Die Deutschen als Volk haben keine Lust auf Eskapaden", sagte Moderator Dmitri Konstantinowitsch Kisseljow am Sonntag in seiner Sendung, in der er mindestens zwei Mal aus den Artikel verwies. „Doch die deutsche politische Klasse, ihre Spitze, könnte paradoxerweise in ein Abenteuer hineingezogen werden."

Kontakt zum Autor: anton.troianovski@wsj.com

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