Verfasst von: Dr. Who | 25.4.14

845 | Diskussionsklub „Valdai“: Nationale Identität der Russen beruht auf Kultur

von Marina Piminowa

Der Russe – wer ist das? Als was empfindet er sich und wie wird er im Ausland wahrgenommen? Mitglieder des Internationalen Diskussionsforums „Waldai“ haben sich mit der nationalen Identität und Zukunft Russlands auseinandergesetzt.

Wer sind wir? Inwieweit verbinden wir uns mit unserem Land und mit unserer Sprache? Der nationalen Identität und Zukunft Russlands ist der neue Vortrag des Internationalen Diskussionsklubs „Valdai“ gewidmet. Ohne den bisher so gerne als Ausgangspunkt angenommenen Spagat „nach Westen oder nach Osten“, ohne den „Schwarz-Weiß-Ton“ haben sich junge Autoren mit dem nationalen Charakter und der Identität des russischen Menschen befasst.

Was ist eigentlich nationale Identität und warum muss an ihr gearbeitet werden? Anastassija Lichatschowa, Hauptautorin des über 70-seitigen Vortrags, erklärt, warum die nationale Identität nicht automatisch zu einer Bevölkerung gehört:

„Ja und nein. An der nationalen Identität muss gearbeitet werden, sie zu erfinden, darf man aber auf keinen Fall versuchen. Daran müssen sowohl der Staat als auch die Gesellschaft arbeiten. Die heutige Gesellschaft ist ziemlich zerflattert, es gibt keine Einheit. Die meisten Russen kommunizieren nicht über ihre Familie und alten Freunde hinaus. Es bedarf intensiver Bemühungen, damit sich die Menschen mit breiteren Gruppen zu identifizieren beginnen. Wir betrachten also die Identität nicht als Selbstzweck, sondern als ein strategisches Instrument für breitere Ziele.“

Zu den Bemühungen um die nationale Identität gehört etwa die Bildung von Plattformen zum beruflichen oder freizeitlichen Miteinander sowie anderen Plattformen, erklärt die Expertin weiter. Die Grundlage für die nationale Identität sei dabei immer dieselbe:

„Die nationale Identität moderner Russen beruht heute auf Kultur. Während die Geschichte leider eher für die Trennung der Gesellschaft sorgt, liefert gerade die offene russische Kultur, die das Westliche mit dem Östlichen in sich vereint, die Grundlage für nationale Identität.“

Für die nationale Identität spielen das Land und die Sprache eine wesentliche Rolle. Verbindet man sich nicht mit dem Land, geht auch der Identitätsfaden verloren, so Lichatschowa:

„Die Verbindung mit der Größe des Landes ist einer der wichtigsten Mechanismen zur Bildung der nationalen Identität. Man muss sich als Herr des Landes fühlen, sich damit verbinden. Bei der Arbeit an der nationalen Identität Russlands kommt es nicht nur darauf an, das Verhalten gegenüber den klassischen Kulturelementen wiederherzustellen, sondern auch eine moderne interessante spannende Kultur zu schaffen, die die junge Generation ansprechen würde. Eine Kultur im breitesten Sinne des Wortes – von den hohen Mustern bis hin zu den Mediaformaten.“

Russland – ein europäisches oder ein asiatisches Land? Spekulationen rund um diese Frage stoßen seit Jahrhunderten erregte Diskussionen unter Historikern an. Die Autoren des Vortrages wagen es erstmals, vom Spagat „Westen oder Osten“ abzusehen. Im Mittelpunkt stehe der Mensch, heißt es:

„Die Identität wurde ursprünglich mit dem Weg Russlands verbunden: Nach Osten, nach Westen oder ins Innere. In unserer Arbeit weichen wir dieser Frage bewusst aus, weil wir die Identität Russlands nicht mit den geopolitischen Wegen des Landes verbinden, sondern uns eher mit den Bedürfnissen und den Interessen der Bürger befassen. Denn Menschen, die sich mit dem Land identifizieren, können dann mit diesem Land sowohl nach Osten als auch nach Westen gehen, die Frage der Identität steht aber im Vordergrund.“

Vom außen her mag die nationale Identität nicht unbedingt gut durchschaubar sein. Wie wirkt also Russland in den Augen der Ausländer?

„Die Einstellung gegenüber Russland ist sehr gestaffelt. Rund 40 Prozent wissen nicht, wie man sich gegenüber Russland verhält, sie versuchen, das neue Russland zu begreifen, ohne es als ein geerbtes Projekt wahrzunehmen. Somit stehen nun wir vor der Mission, uns vorzustellen, uns kennenlernen zu lassen, damit ein wesentlicher Anteil der Menschen eine adäquate Vorstellung von Russland bekommt.“

Konkret geht es um die Entwicklung des Menschen bzw. des menschlichen Kapitals, fügt die Autorin hinzu. Mit dieser Frage solle man sich befassen, nicht um des Ostens oder des Westens willen, sondern um der Entwicklung des Menschen willen.

Quelle: http://german.ruvr.ru/radio_broadcast/no_program/271573723/

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