Verfasst von: Dr. Who | 7.9.14

939 | Russland im Informationskrieg

Russland im Informationskrieg© Foto: RIA Novosti/Vladimir Trefilov

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Am Freitag, dem 5. September, wurde in Moskau der Fotokorrespondent der Internationalen Nachrichtenagentur Rossiya Sevodnya, Andrej Stenin, begraben. Unser Kollege ist nicht der erste russische Journalist, der in der Ukraine umgekommen ist. Er gehörte zu denjenigen, die versuchen, die Wahrheit über den Bürgerkrieg, der von Kiew entfesselt wurde, den Tod von Zivilisten, zerstörte Städte und Dörfer zu vermitteln. Nicht genug, dass die ukrainischen Behörden in Verletzung des Völkerrechts die russischen Journalisten, die das Geschehen im Osten der Ukraine objektiv beleuchten, an der Erfüllung ihrer Berufspflicht hindern. Man wirft auch Bomben auf sie, und zwar zusammen mit den eigenen Bürgern und den Flüchtlingen, die versuchen, sich auf russisches Territorium zu retten, wie es bei Andrej Stenin der Fall war.

Russischen Journalisten wird Kreml-Propaganda und finanzielles Interesse vorgeworfen. Diese zynische Beurteilung der Menschen, die einer gerechten Sache ihr Leben opfern, ist eben nur ein Bestandteil des Informationskrieges gegen Russland, der vom Westen entfesselt wurde und für den die käuflichen Journalisten gut bezahlt wurden. Mit der Verbreitung von Gerüchten und verzerrten Informationen versucht man, Russland politisch wie ökonomisch maximal zu isolieren. Alle Bemühungen Russlands um die Regelung der Lage in der Ukraine werden übersehen. Der UN-Sicherheitsrat hat Russlands Vorschlag über die Feuerpause in der Ukraine blockiert. Die USA und die NATO machen bewusst falsche Angaben zu den Bewegungen russischer Truppen in der Ukraine. Auf Anweisung der USA weigert sich Kiew, Daten zu der abgeschossenen Boeing vorzulegen.

Experten versuchen, die Ursachen der russlandfeindlichen Hysterie zu analysieren.

Eine der Ursachen der Angriffe auf Russland sei seine unabhängige Außenpolitik, meint der Generaldirektor des Zentrums für strategische Schätzungen und Prognosen, Sergej Grinjajew:

„Der Informationskrieg gegen Russland wird nicht erst seit einem Jahr geführt, in den letzten Monaten beobachten wir eine Eskalation der Spannung im medialen Feld. Es liegt an dem außenpolitischen Kurs, den unser Land heute gegenüber Syrien, Afghanistan, Iran hält. Daran und an einer Reihe von anderen Fragen, insbesondere der Gestaltung bilateraler partnerschaftlicher Beziehungen zu den Ländern Westeuropas, vor allem zu Deutschland, was gewissen Finanzkreisen des Westens sehr missfällt. Wir wissen noch gut, was für ein Zetergeschrei die westlichen Medien wegen des Einsatzes von Chemiewaffen in Syrien erhoben haben. Womit endete die internationale Untersuchung? Mit nichts.

Ein weiteres Beispiel dafür wären die tragischen Ereignisse in der Ukraine, der Beschuss des Maidan. Sehr Viele im Westen haben gemeint, dahinter stecke Moskau, es wäre eine internationale Untersuchung angesagt. Inzwischen wurde dies Thema aus dem medialen Feld entfernt. In dem Maße, wie die Lage im Südosten der Ukraine sich zuspitzte, nahm der Hexensabbat in den westlichen Medien lawinenartig zu. Seinen Gipfelpunkt erreichte er nach der Tragödie der Boeing, die über dem ukrainischen Territorium abstürzte. Ohne jeglichen Nachweis wurde erklärt, die Maschine sei wenn nicht unmittelbar von russischen Flak-Mannschaften, so doch zumindest von den Milizen unter Mitwirkung russischer Offiziere heruntergeholt worden.

Sobald das russische Verteidigungsministerium den Nachweis für seine Nichtbeteiligung vorlegte und Russland eine offene internationale Untersuchung forderte, nahm die Berichterstattung drastisch ab. Inzwischen weiß man, dass die Ukraine und eine Reihe von westlichen Ländern ein Abkommen über die Geheimhaltung des Ergebnisses der Ermittlungen zum Absturz der Boeing bis zum Konsens der Seiten unterzeichnet haben. Auch Fragen rund um diese Tragödie werden aus dem medialen Feld entfernt. Mehr noch: sobald klar wurde, dass hinter dem Boeing-Absturz die Behörden in Kiew stehen, was vom russischen Verteidigungsministerium anhand von Überwachungsmessdaten praktisch bewiesen wurde, lenkte man das Massenbewusstsein auf das Ebolafieber. Zehn Angehörige der russischen Streitkräfte, die sich verirrt hatten, gaben dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko den Anlass, von einer umfassenden Invasion durch Russland zu sprechen. Das tat er am ersten Tag des Wahlkampfes zur Obersten Rada der Ukraine. Später wurde die Nachricht dementiert, aber die Desinformation war von den Medien schon verbreitet worden.“

Nach Expertenmeinung zeugen alle erwähnten Tatsachen von der Prinzipienlosigkeit der Informationsaggression, mit der Russland konfrontiert wird, so dass man heute kaum behaupten kann, im Westen existiere ein unabhängiger Journalismus.

Der Informationskrieg gegen Russland hat einen wirtschaftlichen Hintergrund, meint seinerseits Alexej Muchin, Generaldirektor des Zentrums für politische Information. Jede Phase davon sei sorgfältig kalkuliert, weil es sich um Sanktionen handle.

„Die Sanktionen bedeuten laut Barack Obama eine direkte Schädigung der Wirtschaft Russlands, aber auch, wie heute insbesondere die Geschäftswelt Deutschlands mit Recht argwöhnt, der EU-Wirtschaft. Den Berichten der deutschen Banken nach zu schließen, tritt die wirtschaftliche Lage im Lande allmählich in die Krisenphase ein. Die USA setzen ihre Absichten ein über das andere Mal durch, und zwar mit Hilfe korrumpierter EU-Politiker, die in ihrem Interesse statt im Interesse der eigenen Nationalwirtschaften handeln. Vorläufig setzen die USA eigene Ziele durch: das ukrainische Erdgasleitungsnetz unter ihre Kontrolle zu bringen, das Projekt South Stream zu vereiteln, die Objekte der Wirtschaft und die Bodenschätze der Ukraine unter eigene Kontrolle zu bringen, was bereits passiert. Allerdings: je intensiver der Informationskrieg betrieben wird, desto schneller folgt die Gegenreaktion: Diversifizierung der russischen Wirtschaft, und, was schon Tatsache ist, ihre Umorientierung auf neue Märkte, neue Verbündete in lateinamerikanischen Ländern, in Nordafrika, in Asien usw.“

Beim Informationskrieg geht es definitionsgemäß um eine Einwirkung auf die Zivilbevölkerung eines anderen Staates durch Verbreitung bestimmter Informationen. Sein Ziel ist sowohl das Massenbewusstsein als auch das individuelle Bewusstsein. Der Fachausdruck „informationelle und psychologische Kriegsführung“ wurde dem Lexikon der US-Militärkreise entlehnt. Sein Grundsatz ist Entstellung von Tatsachen bzw. Verbreitung von Desinformation und Ausnutzung des anschließenden emotionalen Nachklangs zu eigenen Zwecken.

Russland wurde mehrmals zum Ziel von Informationskriegen. Eines der neuesten Beispiele wäre der georgisch-ossetische Konflikt im August 2008. Damals gab Saakaschwili die Invasion des georgischen Gebiets durch 95 Prozent der russischen Streitkräfte bekannt, während die georgischen Truppen das schlummernde Zchinwal bombardierten. Leider hat Russland daraus nicht die logischen Konsequenzen gezogen, meint Wladimir Ewsejew, Direktor des Zentrums für politische Forschungen:

„Damals konnten wir nicht beweisen, dass wir nicht als Erste angegriffen, sondern verteidigt hatten. Jene Situation ist auch der jetzigen ähnlich, nur dass die Ausmaße heute anders und die Ressourcen ganz andere sind. Wenn den malaysischen Behörden gesagt wird, die Flugüberwachungsdaten auf der ukrainischen Seite wären verlorengegangen, stimmt das nicht. Ich habe fünf Jahre auf einem Militärflugplatz gedient – solche Daten können nicht verlorengehen. Schon seit anderthalb Monaten versucht man in London, die Blackbox der Boeing auszuwerten, als gehe es um den Beweis eines hoch komplizierten Theorems. Da aber die dortigen Experten die Flugschreiber nicht entziffern können, gelingt es nicht etwa den russischen? Dabei werden die Schäden am Flugzeugrumpf nicht analysiert, obwohl das genügen würde, um herauszubekommen, was in Wirklichkeit passiert ist.“

Heute hat sich die Form des Informationskrieges radikal verändert. Der technische Progress hat dazu geführt, dass die Berichterstattung nicht von Fachleuten, sondern von Spießbürgern in sozialen Netzwerken gemacht wird. Sie interessieren sich nicht für Tatsachen, sondern für Emotionen und Gerüchte. Laut dem russischen Politologen Sergej Michejew sind „die sozialen Netzwerke ein Zaun, auf dem jedermann schreibt, was ihm einfällt. Komischerweise hat uns der technische Fortschritt ins Mittelalter zurückversetzt, auf den Marktplatz, wo man alle Nachrichten erfuhr.“

Der Informationskrieg wird heute gegen Russland geführt. Dennoch ist er auf den westlichen Durchschnittsbürger ausgerichtet: auf normale Europäer und Amerikaner, gegenüber denen man das Handeln der Behörden begründen muss, damit dem Wähler keine unnötigen Fragen einfallen.

„Wir sehen ein durchaus interessantes Bild“, so Michejew. „Die "goldene Milliarde" führt ihr eigenes Leben. Sie steckt sich Ziele, die nur sie allein kennt, andere hält sie für Menschen zweiter Wahl. Die informationelle Manipulation richtet sich in erster Linie gegen eigene Bürger, denen man beweisen muss, dass die Behörden vernünftige Schritte machen. Womit sonst ließe sich die Verhängung der Sanktionen begründen, die der europäischen Wirtschaft schaden werden? Es war notwendig, den gerechten Zorn durch unschuldige Opfer zu wecken. Das war der Fall bei der malaysischen Boeing, und die Wirkung wurde erzielt. Der westliche Durchschnittsbürger erwies sich als informationell unfrei. Erstaunlich, aber in der freien Welt ist es den Menschen unmöglich, sich frei zu informieren.“

Die Methoden des Informationskrieges, der Russland aufgezwungen wurde, stellten die russischen Journalisten vor die Wahl: soll man die wirklichen Begebenheiten auch weiter ehrlich beleuchten oder die Verhaltensweise seiner Gegner übernehmen und massiv, unverschämt lügen als Antwort auf ihre Lügen? Ich glaube, für Andrej Stenin stand die Antwort fest. Sie steht fest auch für den Kriegsberichterstatter Jewgeni Poddubny, der in der Ukraine seit dem Beginn des Konflikts arbeitet. Und auch für die deutsche Reporterin Margarita Seidler, die zu den herausragendsten Figuren des Widerstands im Donbass geworden ist. Obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass es ein ungleicher Kampf ist, dass er mit fairen Mitteln nicht zu gewinnen ist, liefern sie unter Einsatz des eigenen Lebens nach wie vor wahrheitsgetreue Informationen. Mit der Überzeugung, dass unser Trumpf reale Taten sind, die man nicht wird abstreiten können. Man möchte sehr hoffen, dass ihr Opfer nicht vergeblich bleibt.

Quelle: Weiterlesen: http://german.ruvr.ru/radio_broadcast/no_program/276898110/

Kommentare

    • # M.G.Dieling M.G.Dieling Gestern, 10:11

      Russland hat schon gewonnen, es kann sich zurücklehnen & mit Genuss, sowie humorvollen Bemerkungen (dafür liebt die Welt Putin) den weiteren Verlauf kommentieren. Wir könnten auf Zeit spielen, doch sterben noch immer Menschen, was ernste Bemühungen ebenfalls nötig macht. DOCH, die letzten Monate, Jahre haben die Welt gegen USA/EU/ NATO geeint, es gibt nun so viele junge Menschen, welche politisch erwachten, sich informieren, sich für einander sorgen, das es einen großen Grund zur Hoffnung gibt. Als aus dem westl. Kulturkreis Stammender hatte ich eigentlich in unserer von Ängsten geprägten Konsumwelt, der Passivität deutscher Parteien, der Medienkontrolle & Internetzensur anfangs jeden Glaube verloren. Schulen & UNIs versuchten Bildungsinhalte zu vermitteln, welche genaustens vom Staat abgestimmt wurden. VERGEBLICH! Die Wahrheit & der Drang zu dieser ist unsterblich erwacht & es wird, wie Putin es für das Russische Volk beschrieb, von dieser Bewusstseinstufe kein Zurück mehr geben. Ich danke allen Russen & Freiheitskämpfern für ihre Geduld & ihre Mühe. M.G. Dieling

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