Verfasst von: Dr. Who | 25.9.14

1005 | Politik – ein Buchungsvorgang (Politökonomie)

STIMME RUSSLANDS Wenn man die gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen rein theoretisch, losgelöst von der Realität, betrachtet, dann müsste man folgendes Szenario als das Wahrscheinlichste annehmen.

Eine auf Rohstoffexporten basierte, ineffiziente Wirtschaft wird vom internationalen Finanzmarkt und Technologietransfer weitgehend abgeschnitten. Das Resultat sind kollabierende russische Geldhäuser und insolvente Großunternehmen, die ihre Schulden nicht mehr refinanzieren können. Der Rohstoffexport gerät auch in Gefahr, denn die Förderunternehmen sind, wie es eben die gängige internationale Praxis ist, stark verschuldet und brauchen ebenso den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten.

Außerdem müssen neue Investitionsprojekte finanziert werden, denn sonst kann man die Ressourcenbasis nicht erhalten und schon gar nicht entwickeln. Der ohnehin schwachen Industrie wird der endgültige Todesstoß verpasst, denn die heimische Produktion kann in sehr vielen Fällen ohne importierte Maschinen, Geräte und hochwertige Zulieferteile nicht funktionieren. Die Folgen sind wirtschaftlicher Verfall, soziale Spannungen und schließlich politische Turbulenzen. Außerdem setzt man darauf, dass der unter Sanktionen gefallene Teil der russischen, sog., Elite, so sehr unter den verhängten Maßnahmen leidet, dass er die Protestbewegungen bis in die höchsten Machtetagen des Kremls führen wird.

Und wie sieht die Realität aus? Die russische Wirtschaft ist stark vernetzt. Es ist ein beträchtlicher Absatzmarkt, dessen Verlust v.a. für die europäischen Volkswirtschaften, in den gegenwärtigen Zeiten von fragwürdigen ökonomischen Aussichten, sehr bedauernswert wäre. Darüber hinaus haben viele ausländische Investoren große Investitionen in Russland getätigt, in fast allen Wirtschaftszweigen. Die müssen dann eben auch in den sauren Apfel beißen. Und bekanntlich ist ja geteiltes Leid – halbes Leid.

Doch es geht weiter: die Russen führen nach und nach Gegenmaßnahmen ein. Das Interessante dabei ist, dass, wenn sie systematisch fortgesetzt werden, sich daraus eine klassische Politik des Protektionismus entwickeln könnte. Ihr Ziel wäre es, die heimische Produktion langfristig anzukurbeln. Man kann eine solche Politik natürlich auch in „friedlichen Zeiten“ durchführen, doch wären die „politischen Kosten“ in diesem Fall sehr, höchstwahrscheinlich sogar zu hoch. Man müsste ebenfalls mit wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen des Westens rechnen. Doch dann wäre es sehr viel schwieriger, deren Folgen in der eigenen Bevölkerung zu begründen.

Jetzt sind die entstandenen „Kosten“ auf das Konto der westlichen, vermeintlich feindseligen, Außenpolitiker zu buchen und die zu treffenden Gegenmaßnahmen als offensichtliche Notwendigkeit anzusehen. Hinzu kommt das ewige russische Dilemma um den fehlenden politischen Willen, dynamische Reformen, die gegen das inerte und stark bürokratisierte System gerichtet sind, durchzubringen. Die bereits erwähnte Notwendigkeit wird hierbei zum benötigten Anreiz.

Die Versuche, die Inlandsproduktion zu steigern, werden nur dann Früchte bringen, wenn sie mit einer allseitigen ökonomischen Deregulierung einhergehen. Die eigenen Unternehmen und Unternehmer müssen ermutigt werden, langfristig in Produktion und Anlagen zu investieren. Das ist nur im Falle von tiefgreifenden liberalen Wirtschaftsreformen möglich.

Ob die Wirtschaftsressorts in der russischen Regierung im Stande sein werden, diese Herausforderung zu meistern, wird sich noch zeigen. Fakt ist, dass die Bestrebung, Russland durch Isolation in die ökonomische Steinzeit zu befördern, der russischen Regierung die Hände entfesselt, tiefgreifende liberale Wirtschaftsreformen durchzuführen und somit das nationale Wirtschaftssystem auf ein völlig neues Level zu befördern.

Diese Vorstellung hört sich vielleicht etwas naiv an, aber sie würde sehr gut in die russische Geschichte und in den russischen Charakter passen: Glück im Unglück, oder Reformen à la Russe.

Quelle: http://german.ruvr.ru/2014_09_25/Gluck-im-Ungluck-oder-Reformen-la-Russe-4521/

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