Verfasst von: Dr. Who | 28.10.14

1076 | Die Hölle des 20. Jahrhunderts

MOSKAU, 13. April (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Am 11. April 1945 war im Vernichtungslager Buchenwald ein großer Aufstand ausgebrochen.

Um dem sicheren Tod zu entgehen, haben die Aufständischen den Großteil des Lagers unter ihre Kontrolle gebracht und es geschafft, durchzuhalten, bis die Amerikaner Buchenwald erreichten und die verbliebenen SS-Verbände vertrieben.

Zur Erinnerung an diesen Aufstand wird jedes Jahr am 11. April der Tag der Befreiung der KZ-Häftlinge begangen. Dieser Tag soll neben dem 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an den Holocaust, begangen werden. Es handelt sich also um den Tag, als die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit wurden, die Menschheit an diese Todesfabriken erinnern.

Die Spezies Homo Sapiens ist niemals ein Gutmensch und Vegetarier gewesen. Infolge dessen ist sie zu einem gefährlichsten Raubtier auf dieser Erde geworden. Vor dem Hintergrund der langen und blutigen Menschheitsgeschichte nimmt das 20. Jahrhundert dennoch eine besondere Sonderstellung ein.

Es war ein Jahrhundert niemals dagewesener und massenhafter Deportationen, Vertreibungen, Inhaftierungen. Letztendlich war es das Jahrhundert der massenhaften gegenseitigen Vernichtung, auch mit Hilfe der Konzentrationslager.

Es waren nicht die Nazis, die die Konzentrationslager (KZ) erfunden haben. Die Prototypen dieser Lager wurden bereits während des Amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 bis 1865 ins Leben gerufen, die ersten KZs im eigentlichen Sinne des Wortes wurden aber während des Zweiten Burenkriegs von 1899-1902 zwischen Großbritannien und den Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Südafrikanische Republik (Transvaal) eingerichtet.

Der Sinn und Zweck dieser Lager bestand darin, die Buren von ihrem Nachschub abzuschneiden. In diesen Lagern wurden Buren-Familien zusammengetrieben, die den Partisanen mit Essen versorgten. Weil die Versorgung dieser Familien in den Lagern so schlecht war, verhungerten die meisten von ihnen.

Die Idee eines Konzentrationslagers wurde während des Ersten Weltkriegs weiterentwickelt, unter anderem im Osmanischen Reich und in Österreich-Ungarn, wo der Völkermord an Armeniern bzw. an einigen slawischen Völkern verübt worden war.

Russland konnte diesem „Geist des Jahrhunderts“ nicht aus dem Weg gehen. Die ungeheuerliche soziale Katastrophe von 1917 sowie die Zerstörung aller Grundlagen des Staats führten dazu, dass die KZs aus der ersten Hälfte der sowjetischen Periode der russischen Geschichte nicht wegzudenken sind.

Das Vernichtungssystem der Gulags verfolgte zwei Zwecke: einen politischen Zweck, das heißt die Isolation bzw. Vernichtung aller illoyal gegenüber der neuen Regierung gesinnten Personen, und zweitens einen wirtschaftlichen Zweck, denn die Häftlinge wurden massenhaft bei Errichtung von wichtigen Infrastrukturobjekten wie Kanälen und Eisenbahnstrecken eingesetzt.

Doch die ungeheuerlichen und perfekt organisierten Todesfabriken des Dritten Reiches stellen alle sowjetischen, britischen, türkischen und anderen in den Schatten, denn die Nazis haben die KZs zu ihrem wichtigsten Mittel bei der Errichtung einer „Neuen Weltordnung“ gemacht.

Die ersten KZs auf deutschem Boden wurden unmittelbar nach der Machergreifung Hitlers geschaffen, doch den Höhepunkt erreichte dieses System während des Zweiten Weltkrieges.

Die Konzentrationslager in dieser Epoche können in zwei Kategorien eingeteilt werden. In die erste Kategorie fielen die so genannten „Arbeitslager“, deren wichtigstes Ziel darin bestand, Arbeitsleistungen zu erbringen und Produkte zu fertigen, die ein Krieg führendes Land benötigte.

Millionen von Menschen wurden in diesen Lagern festgehalten, manche von ihnen starben an Hunger, unzureichender Versorgung und schwerer körperlichen Arbeit. Die massenhafte Vernichtung von Menschen stand hier jedoch nicht im Vordergrund. Diese Aufgabe wurde in Lagern umgesetzt, die in die zweite Kategorie fallen, das heißt in den Todeslagern.

Diese Lager wurden speziell errichtet, um die „minderwertigen“ Menschen gemäß der im Dritten Reich üblichen „Rassenhygiene“ zu eliminieren. In diesen Lagern wurden mehr als drei von insgesamt sechs Millionen der von Nazis ermordeten Juden aus Europa und der UdSSR vernichtet.

Etwa vier Millionen Russen, mehrere Hunderttausende Bürger anderer sowjetischen Völker (von insgesamt 27 Millionen während des Kriegs getöteten und ums Leben gekommenen Sowjetbürger) fielen diesen Lagern zum Opfer, dazu gehören auch etwa 200 000 Sinti und Roma, zahlreiche Serben, Polen und Vertreter anderer Völker.

Treblinka, Be??ec, Majdanek, Sobibor, Che?mno, der Großteil des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau galten als Stätten der bürokratisch und fast industriell durchorganisierten täglichen Ermordung und Vernichtung von Tausenden Menschen.

Die Häftlinge wurden erschossen, sie erstickten in den Gaskammern, sie starben infolge unmenschlicher Experimente mit Medikamenten oder wurden einfach zu Tode geschlagen. Am Ende des Krieges wurden manche Arbeitslager, darunter auch Buchenwald, in Vernichtungslager umfunktioniert.

Besonders grausam wurde mit den Juden, Sinti und Roma sowie mit den sowjetischen Kriegsgefangenen, vor allem russischer Abstammung, umgegangen. Die Vernichtung der „Feinde des Reiches“ fand nicht nur in deutschen Lagern statt, sondern auch in den Lagern, die in kollaborierenden Staaten errichtet wurden, darunter im kroatischen Jasenovac sowie in Salaspils 18 Kilometer südöstlich von Riga in Lettland.

Die KZs waren organisatorisch ein Teil des SS- und SD-Systems, doch nicht nur diese Strukturen waren an der Massenvernichtung von Menschen beteiligt.

Eine Vielzahl von sowjetischen Kriegsgefangenen wurde bereits in den sogenannten Stammlagern (im nationalsozialistischen Sprachgebrauch – Stalag), das heißt in den Lagern zur Unterbringung Kriegsgefangener der Wehrmacht, umgebracht. Daher haben sie es einfach nicht geschafft, bis zur Haftverbringung in einem Vernichtungs- bzw. Arbeitslager zu überleben.

Die westlichen Kriegsgefangenen wurden in solchen Lagern mehr oder weniger in Übereinstimmung mit internationalen Konventionen behandelt, doch für die sowjetischen Kriegsgefangenen dienten diese Lager als eine Art Filtrationspunkte zwischen den Arbeits- und Vernichtungslagern, oder aber sind sie einfach eine Mischung aus einem Arbeits- und einem Vernichtungslager gewesen.

Die Nachfolger der Nazis und ihre Handlanger sprechen des Öfteren davon, dass der Grund für die grausame Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener darin liege, dass die UdSSR die Genfer Konvention von 1929 nicht unterschrieben habe.

Dabei aber werden zwei Fakten verheimlicht. Erstens, die UdSSR hat sich an diese Konvention im Jahr 1931 durch eine vom damaligen sowjetischen Außenminister Litwinow unterschriebene Erklärung angeschlossen. Zweitens, durch die Genfer Konvention waren die Deutschen als Unterzeichner verpflichtet, sie einzuhalten, egal, ob ihre Gegner dieses Dokument unterschrieben haben oder nicht.

Die Phase der besonderen Grausamkeit im Umgang mit den KZ-Häftlingen beginnt am Ende des Krieges. Die Nazis begannen damit, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen und leiteten die massenhafte Vernichtung von Gefangenen ein.

In den Vernichtungslagern, die sich nahe der Frontlinie befanden, brachen die Aufstände aus. Die KZ-Häftlinge hofften darauf, die Waffen zu ergreifen und sich eine Zeitlang halten zu können, bis die Sowjetische Armee oder die westlichen Alliierten die Vernichtungslager befreien würden. Einer der Aufstände brach im Vernichtungslager Buchenwald aus.

Die Nazi-Verbrechen wurden erfasst und protokolliert. Die Hauptschuldigen wurden erhängt oder erschossen. Doch leider verschwand die Idee einer gerichtslosen Inhaftierung von Menschen zusammen mit der Asche des „Dritten Reiches“ nicht.

In der neuen Etappe der Geschichte haben diejenigen diese Idee aufgegriffen (nicht im solchen Umfang, natürlich, und zu anderen Zwecken), deren Ideologie, so sieht es wenigstens aus, von der bedienungslosen Achtung der Menschenrechte und Freiheiten ausgeht: Die Stichworte sind Guantanamo oder Abu-Ghraib.

Quelle: http://de.ria.ru/comments_interviews/20090413/121090209.html

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