Verfasst von: Dr. Who | 18.3.15

1174 | USA: Seit 100 Jahren Hautpziel – Verhinderung Bündnis Deutschland-Russland (und damit Hauptschuldiger am 2. Weltkrieg)

Ist die US-Administration deutscher Freund oder Feind?
Was soll mit EU, TTIP, … bewirkt werden?
Für wessen Interessen steht Angela Merkel & Co.?

von Wolfgang Effenberger

Der Gründer und Vorsitzende des führenden privaten US-amerikanischen Thinktanks STRATFOR (Abkürzung für »Strategic Forecasting Inc.«), George Friedman, bestätigte am 4. Februar 2015 vor dem Chicago Council on Global Affairs, dass die USA seit mehr als 100 Jahren eine deutsch-russische Zusammenarbeit mit allen Mitteln verhindern.

Bereits ab 1871 war für Großbritannien das vereinte und wirtschaftlich aufstrebende Deutschland die Hauptgefahr. Seither arbeitet eine Elite der angelsächsischen Länder mit Wirtschaftskriegen, Intrigen und Destabilisierungsmaßnahmen gegen eine starke Mittelmacht in Europa.

»Made in USA« – Keil zwischen Deutschland und Russland seit über 100 Jahren

Das Video von Friedmans Vortrag ist entlarvend und belegt in plastischer Weise die Rechercheergebnisse des Autors und seines Koautors Willy Wimmer für das Buch Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber und stille Profiteure.

In einer für Europäer erschütternden Offenheit legte Friedman in Chicago die strategischen Ziele der USA in Europa auf den Tisch und machte gleich am Anfang deutlich, dass die USA keine »Beziehungen« mit »Europa« haben. Es gebe nur bilaterale Beziehungen zu den europäischen Staaten.

»Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland … Seit einem Jahrhundert ist es für die Vereinigten Staaten das Hauptziel, die einzigartige Kombination zwischen deutschem Kapital, deutscher Technologie und russischen Rohstoff-Ressourcen, russischer Arbeitskraft zu verhindern.« (1)

Schon 1919 gab es die Idee, einen Gürtel von Pufferstaaten zwischen Deutschland und Russland zu schaffen – den Begriff »Cordon sanitaire« hatte der damalige französische Außenminister S. Pichon aus der Seuchenbekämpfung in die politische Diskussion übernommen. Der polnische Marschall Józef Piłsudski nannte es »Intermarium«. Bald erstreckte sich tatsächlich von Finnland über die baltischen Staaten und Polen bis Rumänien ein Staatengürtel, der die Sowjetunion vom übrigen Europa trennen sollte – angeblich zum Schutz vor der »bolschewistischen Weltrevolution«.

Um heute den Albtraum einer deutsch-russischen Kombination zu verhindern, wollen die USA auf die Idee von Piłsudskis »Intermarium« zurückgreifen. Für Friedman ist Deutschland in Europa die unbekannte Variable.

Deutschlands komplexes Verhältnis zu Russland

Am 30. Dezember 1812 unterschrieb Generalleutnant Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg zusammen mit dem russischen Generalmajor Hans Karl von Diebitsch die nach dem Vertragsort Tauroggen benannte Konvention zur Zusammenarbeit gegen Napoleon. Zwischen 1813 und 1815 konnte tatsächlich gemeinsam das napoleonische Joch abgeschüttelt werden. Ein Jahrhundert später fügten sich beide Völker jedoch in zwei Weltkriegen gegenseitig ungeheures Leid zu. Nutznießer waren die Angelsachsen.

Fürchten die USA nun 200 Jahre nach Tauroggen wieder einen Befreiungskrieg gegen einen »Hegemon«?

Die Ziele Russlands scheinen recht klar: Die Ukraine darf kein prowestliches Land werden. Die Ziele Deutschlands sind dagegen nach Friedman noch nicht klar erkennbar. Ansonsten könnte er schon sagen, wie die Geschichte in den nächsten 20 Jahren weitergehen werde. Deutschland sieht er im ewigen Dilemma:

»Es sei wirtschaftlich enorm mächtig, aber gleichzeitig geopolitisch sehr zerbrechlich, »und sie wissen niemals, wie und wo sie ihre Exporte verkaufen können … unglücklicherweise müssen die Deutschen immer wieder eine Entscheidung treffen. Und das ist das ewige Problem Deutschlands.« (2)

Abschließend streift Friedman die Geschichte und bemüht das alte Rom als das große Vorbild der USA – eine Vorliebe, die für jeden schon an den nach römischem Vorbild entstandenen Repräsentationsbauten in Washington sichtbar ist. Schon lange sehen sich die USA als den rechtmäßigen Nachfolger des alten Rom, das klug genug war, keine Truppen in entlegene Regionen außerhalb des Römischen Imperiums zu entsenden. Dort wurden lediglich pro-römische Könige eingesetzt. Diese Könige waren für den pro-römischen Frieden verantwortlich. Imperien aber, die versuchten, die okkupierten Gebiete direkt zu regieren, scheiterten, so wie auch das Nazi-Imperium. »Da muss man schon klug vorgehen« (3), so der kluge Herr Friedman.

Genau das machen die USA. Geradezu genial, wie farbige Revolutionen angezettelt und die Schleusen zum Krieg geöffnet wurden – alles nach Drehbuch.

In der Ukraine sind die im Strategiepapier TRADOC 525-5 (4) beschriebenen Eskalationsstufen gut zu beobachten: Aufruhr (Majdan), Krise (Slawjansk) und Konflikt (Krim). Die letzte Stufe wäre dann der überregionale Krieg, der uns gottlob erspart worden ist – zumindest bis jetzt. (5)

Weichenstellung bereits nach dem Jugoslawienkrieg

Ende April 2000 veranstaltete das US-Außenministerium in Zusammenarbeit mit dem American Enterprise Institute (außenpolitisches Institut der Republikanischen Partei) in der slowakischen Hauptstadt Bratislava eine Konferenz zu den Themen Balkan und NATO-Osterweiterung. Dort wurden den geladenen hochrangigen Vertretern mittel- und osteuropäischer Länder – Ministerpräsidenten sowie Außen- und Verteidigungsminister – die strategischen Ziele der USA unverblümt erläutert.

In seiner Funktion als Vizepräsident der OSZE-Versammlung war auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer geladen, der so alarmiert war, dass er sofort nach der Konferenz den amtierenden SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Brief (Abdruck im Buch Wiederkehr der Hasardeure) (6) über die wahren Hintergründe des Jugoslawien-Krieges und die künftigen geostrategischen Absichten der USA informierte – ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang. Unter den Punkten 7 und 8 heißt es da:

»Es gelte, bei der jetzt anstehenden NATO-Erweiterung die räumliche Situation zwischen der Ostsee und Anatolien so wieder herzustellen, wie es in der Hochzeit der römischen Ausdehnung gewesen sei.

Dazu müsse Polen nach Norden und Süden mit demokratischen Staaten als Nachbarn umgeben werden, Rumänien und Bulgarien die Landesverbindung zur Türkei sicherstellen, Serbien (wohl zwecks Sicherstellung einer US-Militärpräsenz) auf Dauer aus der europäischen Entwicklung ausgeklammert werden.« (7)

Dieser Plan wird seitdem konsequent umgesetzt.

Botschafter für besondere Fälle

2012 schickten die USA den Brzeziński-Protégé und Spezialisten für farbige Revolutionen, Michael McFaul, als Botschafter nach Moskau. Brzeziński, ein ausgewiesener Russlandhasser, möchte Russland aufbrechen und in 68 Teile zerschlagen. Friedman jedoch äußert sich moderater: »Wir wollen die Russische Föderation nicht töten, sondern nur etwas verletzen bzw. ihr Schaden zufügen.« (8)

Seit dem 31. Juli 2014 ist John F. Tefft Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Moskau. Er hat sich einen Namen als notorischer Unruhestifter und Experte für Regimewechsel gemacht. Seine Visitenkarte weist die Botschaften der Ukraine, Georgiens und Lettlands als bisherige Wirkungsstätten aus. Offensichtlich soll er jetzt die russische Bevölkerung gegen Präsident Putin aufbringen, damit dieser gestürzt wird. Die von außen inszenierte Krise des Rubels mit dramatischen Kursverlusten ist ebenfalls Teil der Strategie, in Russland einen Aufstand zu provozieren. (9)

Abschließend »beruhigt« Friedman die Europäer: Europa werde zum menschlichen Normalfall zurückkehren und Kriege führen wie z.B. in Jugoslawien und der Ukraine. Er rechne aber nicht mit 100 Millionen Toten.

Gemeinsam entscheiden, gemeinsam sterben

Dass diese Kriege von den USA losgetreten worden sind, verschweigt der Stratege geflissentlich. An dieser Stelle sollte an Obamas Rede unter dem Berliner Friedensengel vom 13.08.2008 erinnert werden. Aus der Sicht Joschka Fischers sprach Obama damals Klartext. Unter dem Jubel Hunderttausender sagte der US-Präsidentschaftskandidat: »Mit mir wird in Zukunft gemeinsam entschieden und dann gemeinsam gekämpft und, wenn es sein muss, auch gemeinsam gestorben.« (10)

Friedmans erschreckend eindeutige Äußerungen sollten auch dem Letzten klar machen, dass die USA keine friedliche Nation sind, wie immer behauptet wird. Sie sind vielmehr eine auf militärischer Übermacht basierende imperiale Macht, die hemmungslos – und oft auch gedankenlos – von ihrem militärischen Apparat Gebrauch macht. In dieser Beziehung ist der Vergleich mit dem Römischen Reich durchaus angebracht.

Das Römische Reich hat der Nachwelt aber auch die Erfahrung vom »Overstretch« als Mahnung hinterlassen. Diesen Punkt hatte Rom bereits in den Jahren 9 bis 16 a.D. erreicht – als in Germanien unter ungeheuren Verlusten der Versuch scheiterte, die Elbe als Reichsgrenze zu etablieren. Damals war Rom auf dem Zenit seiner Macht, vergleichbar mit der Stellung der USA heute. Die USA sollten aufpassen, dass sich der Krieg in der Ostukraine nicht zur Varus-Schlacht ihres Imperiums entwickelt.

Falls es hier zum Äußersten kommt, wird Russland die gesamte Südostukraine an sich reißen und damit eine Landverbindung zur Krim herstellen. Von der Ukraine würde dann nur noch ein Torso übrigbleiben. Sollte sich die Ukraine, vom Westen finanziell und materiell unterstützt, auf eine ausgedehnte militärische Auseinandersetzung mit Russland einlassen, wird das zu ihrem völligen Ruin führen. Für die Ukraine wäre es am besten, Putins Idee eines neutralen Brückenstaates zwischen den Blöcken zu akzeptieren.

Wir müssen alle mit unserer geostrategischen Lage klarkommen. Deutschland hat zwei Weltkriege gebraucht, um an diesen Punkt zu gelangen. Die Ukraine täte gut daran, aus den Fehlern anderer Länder zu lernen. Ein solches Verhalten ist allerdings selten in der Geschichte anzutreffen. Meistens besteht man so lange darauf, die schlimmsten Fehler selbst zu begehen, bis der Schaden unerträglich wird.

Zum Schluss sei noch einmal Willy Wimmer zitiert, der am Ende seines Briefes an Kanzler Schröder resümiert:

»Die amerikanische Seite scheint im globalen Kontext und zur Durchsetzung ihrer Ziele bewusst und gewollt die als Ergebnis von zwei Kriegen im letzten Jahrhundert entwickelte internationale Rechtsordnung aushebeln zu wollen. Macht soll Recht vorgehen. Wo internationales Recht im Wege steht, wird es beseitigt. Als eine ähnliche Entwicklung den Völkerbund traf, war der Zweite Weltkrieg nicht mehr fern. Ein Denken, das die eigenen Interessen so absolut sieht, kann nur totalitär genannt werden.« (11)

Als treuer Vasall der USA hat Deutschland die totalitäre Entwicklung der USA mit ermöglicht und konnte im Gegenzug weltweit ungehindert Handel treiben und zu einer beeindruckenden Wirtschaftsmacht aufsteigen. Künftig wird die bisherige Arbeitsteilung – die USA kämpfen und Deutschland baut auf – so nicht mehr funktionieren. Nun wird Deutschland verstärkt für US-Interessen kämpfen müssen und könnte dabei Gefahr laufen, in einem großen Krieg wieder einmal alles zu verlieren. Stellt sich Deutschland in seiner zerbrechlichen geopolitischen Lage zu früh gegen die Interessen der USA, so droht ebenfalls die Vernichtung. Und weit und breit ist kein Kapitän in Sicht, der das Schiff Deutschland durch das Auge des Zyklons in einen sicheren Hafen steuern könnte.

Anmerkungen

1) George Friedman am 4. Februar 2015 in Chicago unter www.youtube.com; hier die gesamte Rede über 70 Minuten

2) Ebenda.

3) Ebenda.

4) TRADOC Pamphlet 525-5. FORCE XXI OPERATIONS vom August 1994: »A Concept for the Evolution of Full-Dimensional Operations for the Strategic Army«.

5) Wolfgang Effenberger, »›Win in a Complex World‹«

6) Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute. Höhr-Grenzhausen 2014, S. 547.

7) Ebenda, S.548.

8) George Friedman, a.a.O.

9) »Ukraine: The Brown (Shirt) Revolution« – Interview mit Prof. Francis Boyle

10) zeit.de

11) Wimmer a.a.O. S. 548.

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