Verfasst von: Dr. Who | 6.6.15

1247 | Wie Scheiße die Wahrheit besudelt

von Jan-Andres Schulze

Münkler-Watch hat sich zum Ziel gesetzt, den Inhalt zweier Stunden in wenigen zusammengerafften Sätzen wiederzugeben, die schnell auf den Punkt kommen. Denn, so die Studenten, Münkler benutze »rassistische Stereotypen«, mache Witze über Gender, habe einen »militärischen Sprachduktus«, äußere sich gegen Flüchtlinge und Arbeitslose. [Zu einem "militärischen Duktus" bekennen wir uns an manchen Stellen ganz offen: Wo Krieg herrscht, kann nicht in friedlicher Sprache von der Front berichtet werden. Das ist der Sache und den Opfern nicht angemessen. Das ist der ideologischen Unterwanderung unserer Gesellschaft nicht angemessen!]

Chauvinismus, Pietätlosigkeit und Eurozentrismus, so fasst der Spiegel zusammen, sind nur einige von vielen Anschuldigungen, die zwar nicht belegt sind, aber auch als Unterstellung funktionieren. Wobei auch ein »Unterlassen« ausreicht, denn »Münkler ist für uns nur stellvertretend für die Ignoranz weißer Wissenschafter«, erklärt »Caro Meyer« im Tagesspiegel .

»Der Rassismus der europäischen Ideengeschichte [sic!] kommt in den Lehrplänen kaum vor, nicht-weiße Wissenschaftler kommen so gut wie nie zu Wort.« Er selbst und seine Mitstreiter, so »Meyer«, seien zugegeben auch weiß und männlich. Aber er habe sich Wissen über postkoloniale Theorie angelesen und wolle nun auf problematische Inhalte des wissenschaftlichen Systems hinweisen.

Gegenüber der FAZ lässt sich ein Pressesprecher der Humboldt-Universität zu Berlin nach langem Interview zu einem persönlichen Statement hinreißen: »Münkler ist kein Rassist, das ist Unfug«. Der Mann stammt aus dem Senegal. Und dennoch hat er Unrecht, denn »Caro Meyer« weiß es besser. »Meyer« zeigt damit, dass wahrer Postkolonialismus genauso funktioniert wie Kolonialismus – der weiße Mann spricht für den Schwarzen, er kennt die Bedürfnisse der Nicht-Weißen/Schwarzen besser als diese selbst.

Patt – überall Faschisten!

Und was macht Münkler? Er beschwert sich, dass Statements aus dem Zusammenhang gerissen würden. Außerdem müsse ein Disput mit Argumenten öffentlich ausgetragen werden, im anderen Fall seien die Initiatoren von Münkler-Watch erbärmliche Feiglinge. Außerdem erinnere ihn alles an hochschulpolitische, antisemitische Vorgänge des Jahres 1933.

Bravo – bei der Wahl der Waffen haben sich beide Seiten für die Faschismuskeule entschieden. Und damit das Feld der Argumentation, der akademischen Freiheit und Lehre endgültig verlassen.

Wir befinden uns nicht mehr auf dem Schlachtfeld (Vorsicht: militärische Diktion!) der wissenschaftlichen Vernunft und des gehegten Gespräches, sondern auf dem Feld der Moral. Wobei der jeweilige Feind bereits richtig böse ist, ein Feind der Menschheit, Faschist eben. Und mit Faschisten redet man nicht und sucht auch keine Verständigung.

Damit erkennt Münkler den auf die religiöse Codierung von »gut/böse« aufbauenden zeit-moralischen Dualismus von »Faschist/Antifaschist« von »Caro Meyer« an. Das Feld der wissenschaftlichen Argumente, der unterschiedlichen Beobachterperspektiven und der darauf basierenden verschiedenen – räumlich und zeitlich beschränkt geltenden – Wahrheiten wurde verlassen. Auf dem Feld der Moral (»Faschist«, »Feiglinge«) aber gibt es keine Halbwahrheiten, nur noch Zwangsbekehrung oder Vernichtungskrieg.

Wer keinen »Ruf« hat, wird nicht »gerufen«, so ein Bonmot, das die Besetzung der Universitätslehrstühle thematisiert. Aber nicht um den wissenschaftlichen, sondern um den »politischen« Ruf geht es Münkler bei seiner kampflosen Aufgabe des wissenschaftlichen Feldes zugunsten der Moral. Münkler hat »Zugang zum Machthaber«. Laut Münkler-Watch berät Münkler den Führungsstab der Bundeswehr-Streitkräfte, den Planungsstab des Auswärtigen Amtes und hochrangige Politiker. Er ist gerne gesehener TV-Interview-Partner und hat natürlich auch eine Meinung zu Pegida, die »Caro Meyer« eigentlich gefallen sollte.

Alles – nur keine Wissenschaft!

Münkler geht es um diese öffentliche Funktion, sein politisches Gewicht, das er mit der Moral-Keule absichern möchte. Denn der wissenschaftliche Ruf ist durch platte moralische Anschuldigungen nicht gefährdet. Zumal die beiden »Caro Meyer«-Studenten des Münkler-Watch laut Welt erst im zweiten Semester des Bachelor-Studiengangs sind. Da ist es doch ganz verständlich, dass sie von der – erst noch von ihnen zu studierenden – Materie keinen blassen Schimmer haben, dafür aber viel erkenntnistheoretische Naivität und erstaunliche Zukunftswünsche. O-Ton Münkler-Watch:

»Wir möchten eine Zukunft mit unseren Kindern und Wohnraum und so weiter, um das hier entworfene Gedankenkonstrukt zu reproduzieren, damit unsere Nachkommen dies weiter kultivieren können. Ihr kennt das ja …«.

Will heißen: Studenten-Revolution 4.0 im »Bologna-Prozess« der Akademisierung ist der »Bourgeois« mit anderen Mitteln: Kleinbürgerliche Träume von Job, Wohnung, Familie, gepaart mit »Machtphantasien über Generationen hinweg« sowie den paradoxen Attributen von Anonymität und Heldentum. Ein Heldentum, das der von Münkler einstmals so bezeichneten »postheroischen Gesellschaft« entspricht.

Ein Heldentum, das ob der gesättigten Langeweile von etwas »Angstlust« angetrieben ist, aber dennoch ohne Risiko funktioniert. Ein Scharfrichter-Heldentum der anonymen Vernichtung, der Killer-Drohnen und der automatisch auslösenden Bombenschächte. Die »Weiße Rose« als App zum Download, mit plakativen Worthülsen und immer passenden Unterstellungen für den hinzurichtenden Gegner.

Wobei der »Endboss« real ist und daher möglichst wehrlos sein muss. Das Ganze funktioniert nämlich nicht gegen beispielsweise den ehemaligen Boxer und Salafisten Pierre Vogel. Obwohl auch dessen Frauenbild sicherlich nur wenig in punkto Gleichberechtigung und Emanzipation bietet.

Sind schnelle Fast-Food-Wahrheiten für und von Studenten und Professoren der Inhalt der »Sauce Bolognese«, also das Resultat der am wirtschaftlichen Nutzen orientierten Verschulung der Studiengänge?

Fällt deswegen die Suspendierung der Wissenschaft so leicht, weil sie nur noch Zulieferplattform für den wirtschaftlichen oder politischen Erfolg sein soll – so wie in den bekannt gewordenen Plagiatsfällen? Resultiert daraus ein Klima der Unterstellungen und des gegenseitigen Misstrauens? Geistes- und Sozialwissenschaften sollten sich angesichts dieser Ereignisse fragen, ob ihre Überreste sich nicht bald komplett auf künstliche Ernährung, wie in Amsterdam vorgesehen, einstellen müssen.

Quelle: info.kopp-verlag.de

Advertisements

Kategorien