Verfasst von: Dr. Who | 24.3.16

1499 | Kampf gegen den Terror fordert über 1 Million Tote seit 2001

Explosion an U-Bahn-Station Maelbeek© AFP 2016/ Michael Villa / Explosion an U-Bahn-Station Maelbeek

Explosionen am Flughafen Brüssel© AP Photo/ Ketevan Kardava/ Georgian Public Broadcaster

Explosionen am Flughafen Brüssel© AP Photo/ Ketevan Kardava/ Georgian Public Broadcaster / Explosionen am Flughafen Brüssel

Weiterlesen: Ratschläge zum Überleben von und bei Terror-Anschlägen

Dieser Anschlag zielt ganz eindeutig auf die EU, sagt Andrej Hunko, Europapolitischer Sprecher der LINKE im Bundestag. Er fordert ein generelles Umdenken im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Ein Interview.

Herr Hunko, Brüssel ist Ziel einer ganzen Anschlagsserie geworden. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?

Mein erster Gedanke war: Ein furchtbarer Anschlag, furchtbar für die Opfer und die Angehörigen. Furchtbar aber auch für die Gesellschaft insgesamt, weil man den Eindruck hat, dass die Anschläge immer häufiger werden. Nach Paris jetzt Brüssel, das kommt sozusagen immer näher. Und das macht natürlich Angst und große Sorgen.

Nun hat sich der IS anscheinend zu den Anschlägen bekannt. Was bedeutet das jetzt auch für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus?

Das ist natürlich denkbar, dass der IS dahinter steht. Die jetzigen Anschläge erfolgten ja auch nur wenige Tage, nachdem der mutmaßliche Drahtzieher der Pariser Anschläge in Brüssel festgenommen wurde. Möglicherweise gibt es da einen Zusammenhang. Aber ich denke trotzdem, man sollte auch mal innehalten und jetzt nicht überreagieren. Wir erleben eine endlose Spirale von Terror, Gewalt und Krieg seit dem Beginn des Kampfes gegen den Terror im Jahr 2001. Die Terroranschläge nehmen immer weiter zu, die Militärschläge auf der anderen Seite auch. Und ich glaube, man muss auch mal darüber nachdenken, wie kommen wir letztlich aus dieser Spirale heraus.

Warum ist eigentlich nach Frankreich, auch immer wieder Belgien ein Ziel von Anschlägen und auch Knotenpunkt terroristischer Netzwerke?

Es ist ja bekannt, dass nicht nur in den französischen Vorstädten, sondern auch gerade in den Brüsseler Vorstädten viele Gruppierungen aktiv sind, die sich auf den Islamischen Staat beziehen. die Diskussion gab es auch schon nach den Anschlägen von Paris. Viele der Attentäter kamen ja aus Brüssel. Deswegen finde ich das nicht so überraschend. Das hat aber auch etwas mit der Situation in diesen Vorstädten zu tun. In Brüssel zum Beispiel ist es so, dass viele Jugendliche in die Kriminalität abrutschen, dann in die Gefängnisse kommen und in diesen Gefängnissen vom Islamischen Staat rekrutiert werden. Und ich glaube, da muss man auch viel umfassender drauf reagieren, zum Beispiel mit Programmen gegen die Perspektivlosigkeit in Großstädten.

Nun wurde für Belgien die höchste Terrorwarnstufe 4 ausgerufen. Auch der deutsche Innenminister sagte, dass es hierzulande nun "Schutzmaßnahmen der kritischen Infrastruktur" gäbe. Ist das jetzt eine ganz normale Reaktion?

Natürlich müssen jetzt auch Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Ich habe auch mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen, dass in Belgien das nicht benötigte Personal der Atomkraftwerke Tihange und Doel abgezogen wurde. Auch das ist natürlich eine große Sorge. Man denkt in so einer Situation auch noch einmal ganz anders über Atomkraftwerke nach. Aber es ist natürlich richtig, dass Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

In Brüssel befinden sich auch zahlreiche EU-Institutionen. Deshalb hieß es auch seitens der Bundesregierung, dies seinen jetzt nicht nur Anschläge auf Belgien gewesen, sondern auf ganz Europa…

Ich bin ja auch häufig in Brüssel und einer der Anschlagsorte ist in der Tat in der Nähe der EU-Institutionen. Natürlich ist das ein Bezug auf die EU und insofern teile ich diese Annahme. Dieser Anschlag zielt ganz eindeutig auf die EU.

Was bedeutet das jetzt auch für die Sicherheitsdebatte in Deutschland, die nun natürlich wieder befeuert wird?

Man muss sich auch im Klaren sein, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Jedenfalls nicht in offenen und demokratischen Gesellschaften. Und deshalb ist es so wichtig, jenseits der notwendigen Sicherheitsdebatte, dass auch über die Ursachen geredet wird. Über die Wurzeln und wie wir herauskommen, aus dieser ewigen Spirale von Gewalt, Krieg und Terror.

Wo muss man denn dann ansetzen, um diese Spirale der Gewalt zu verlassen?

Ein erster Schritt wäre es, wenn wir Anteil an allen Opfern gleichermaßen nehmen. Ich denke da an die Opfer von Brüssel und Paris, in Istanbul und Ankara, aber eben auch in den kurdischen Städten, in Cizre, im syrischen Aleppo, auch den Opfern der drohenden Anschläge. Es müsste gleichermaßen eine Anteilnahme geben und nicht so selektiv, wie es oft dann stattfindet. Natürlich sind uns Brüssel und Paris viel näher, aber wir müssen uns klar machen, dass über eine Million Menschen seit 2001 — dem Beginn des Kampfes gegen den Terror — ums Leben gekommen sind. Und auch an diesen Menschen müssen wir Anteil nehmen. Darüber hinaus brauchen wir in den Kriegsregionen einen Friedensprozess. Insbesondere in Syrien, um den Islamischen Staat zu isolieren. Ohne Frieden in diesen Regionen werden wir auch in den europäischen Zentren weiter in Terrorgefahr sein.

Welche Chance könnten die jüngsten Anschläge jetzt bieten, um vielleicht auch die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene enger zu gestalten?

Das wird natürlich die Kooperationsfragen, auch bei Sicherheitsstrukturen, befördern. Das ist auch richtig so. So etwas muss natürlich auch weiter entwickelt und weiter verbessert werden. Ich hoffe aber auch, dass vielleicht andere Konflikte etwas in den Hintergrund treten. Ich denke da an den Ost-West-Konflikt. Und angesichts der Bedrohung durch Terrorismus würde ich mir wünschen, dass solche Konflikte deeskaliert werden. Wir brauchen da die internationale Kooperation und auch die Kooperation der gesamten zivilisierten Welt.

Interview: Marcel Joppa

Quelle: de.sputniknews.com

Explosionen am Brüsseler Flughafen © Twitter/david crunelle

Brüssel nach den Terroranschlägen auf Metro© AFP 2016/ Philippe Huguen

Abonnement zur falschen Zeit am falschen Ort: http://www.mirror.co.uk/news/world-news/teenager-injured-brussels-terror-attacks-7611883 Dieser Teenager überlebte die Anschläge in Boston, Paris und Brüssel. Da kommen Fragen auf…

Moskau überdenkt seine Prioritäten

Dmitri Medwedew und Frank-Walter Steinmeier in Moskau© Sputnik/ Dmitri Astachow

Die jüngsten Anschläge von Brüssel werden die Politik Europas stark beeinflussen, auch Russland wird womöglich einige außenpolitische Prioritäten revidieren, wie der russische Premier Dmitri Medwedew beim Treffen mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier mitteilte.

„Derartige Terroranschläge bleiben sicherlich nicht ohne Folgen. Sie werden sowohl auf die EU-Politik Einfluss haben, ebenso wahrscheinlich auch auf unsere Entscheidungen. Bei der Aufstellung außenpolitischer Prioritäten sowie bei Entscheidungen im Wirtschaftsbereich werden wir sicherlich all das, was passiert ist, berücksichtigen“, sagte Medwedew.

Terror von Brüssel: Bürger aus 40 Staaten unter Anschlagsopfern und Verletzten

Die Anschläge von Brüssel stellen Medwedew zufolge eine Herausforderung für die ganze zivilisierte Welt dar. Sie zeigten, wie verwundbar Europa geworden sei, und wie groß die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfs gegen Terror sei. Um derartigen Anschlägen vorzubeugen, sei vor allem gegenseitiges Verständnis unter den verschiedenen europäischen Staaten notwendig.

Dem russischen Premier zufolge gibt es für die aktuell angespannte Lage verschiedene Gründe. Die Situation um die Flüchtlinge bereitet Probleme in Europa, so auch Deutschland.

„Wir beobachten das alles angespannt. Wir sind bereit, auch an den Besprechungen dieser Fragen teilzunehmen und unseren Beitrag zu leisten“, äußerte Medwedew.

Der Premier unterstrich außerdem, dass Russen die Terroranschläge von Brüssel „mit blutendem Herzen“ wahrgenommen hätten. Der schreckliche Vorfall erinnere ein weiteres Mal an die Notwendigkeit der „Konsolidierung aller Bemühungen“.

Quelle: de.sputniknews.com

Advertisements

Kategorien