Verfasst von: Dr. Who | 19.10.16

1555 | Innere Schwäche: Deutschamerika

Das gegenwärtige Europa leidet an einer inneren Schwäche und versucht nur aus Gewohnheit, eine globale Rolle wie einst zu spielen. Manchen Ländern bleibt nichts weiter übrig, als dem US-Kurs zu folgen, sagt der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

In einem Interview für die Onlineausgabe des russischen Magazins „Expert“ postulierte Lukjanow:

„Als politischer Akteur existiert Europa derzeit nicht. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war Europa zwar mit den USA eng verbündet gewesen, doch Frankreich, Deutschland, Italien fanden damals Möglichkeiten, um eine besondere Rolle zu spielen. Obwohl sie keine souveränen Akteure waren, hatten sie damals einen Bewegungsraum fürs Manövrieren und agierten regelmäßig ziemlich nützlich im Sinne einer Bremsung der Eskalation. Derzeit gibt es so etwas nicht mehr.“

Er erläuterte:

„Es geht nicht etwa darum, dass Europa allzu proamerikanisch wurde. Noch schlimmer: Europa ist in eine tiefe innere Schwäche verfallen und versucht nur aus Gewohnheit, seine einstige globale Rolle weiter zu spielen.“

„Die ganze Dynamik der europäischen Politik im 21. Jahrhundert ist darauf hinausgelaufen, dass Europa als Faktor des internationalen Lebens verschwunden ist. Manchen Ländern – wie etwa Frankreich – fällt es schwer, dies zu akzeptieren. Aus Angst vor ihrer eigenen Schwäche versuchen sie deshalb, eine gewisse Nische einzunehmen. Selbständig sind sie dazu allerdings nicht fähig. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich dem amerikanischen Kurs anzuschließen und dabei päpstlicher als der Papst zu sein. Sieht zwar etwas komisch aus, ist aber so“,

sagte der Analyst.

Europas aktuelle Probleme seien nicht auf konkrete Personen zurückzuführen, sondern auf eine strukturelle Handlungsunfähigkeit. Zwar sei eine Machtergreifung durch extreme EU-Skeptiker wie Marine Le Pen im Moment äußerst wenig wahrscheinlich, doch respektablere Parteien hätten ebenfalls kaum positive Szenarien zu bieten, hieß es. Wirtschaftskrieg zwischen EU und USA: Deutsche Manager sehen keine Gefahr Zu erwarten sei eine transatlantische Konsolidierung:

„Falls Hillary Clinton die US-Wahl gewinnt, wird sie wie jeder amerikanischer Nachkriegszeit-Präsident auf die transatlantischen Beziehungen setzen, auf eine Konsolidierung des Westens gegen Russland – im Hinblick auf neue Herausforderungen. Das Deutschland-geführte Europa wird sich dankbar an die US-Schulter schmiegen.“

Dies werde Europas innere Probleme allerdings nicht lösen: „Europa bleibt eingeklemmt zwischen der Einstellung, wonach Russland als Ursache aller Übel gilt, und dem realen Stand der Dinge (also seinen eigenen inneren Problemen). Je mehr innere Wirren es gibt, desto aktiver wird man äußere Ursachen betonen.“

Lukjanow sagte weiter:

„All dies ist eine Kehrseite jenes schnellen Erfolgs der europäischen Integration Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts, der eher äußerlich war als inhaltsreich. Im Zeitraum von den 1950er bis zu den 1990er Jahren war die europäische Integration zwar ein beispiellos erfolgreiches Projekt gewesen, doch dann war der Erfolg zu Ende. Der Versuch, ihn bei neuen Verhältnissen zu wiederholen, lief auf die gegenwärtigen Probleme hinaus. Dazu zählen die Heterogenität Europas, die Spaltung der Länder in Interessengruppen, aber auch die Schichtung der Gesellschaft, wobei es einerseits Eliten gibt, die eine Form der Konsolidierung anstreben, und andererseits zunehmende Schichten derjenigen, die sich fragen, ob sie das überhaupt brauchen.“

Quelle: de.sputniknews.com

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