Verfasst von: Dr. Who | 21.6.17

1570 | Joschka Fischer: Das Ende des Westens

Auf dem History-Forum der Körber-Stiftung hielt der ehemalige Spitzenpolitiker der Grünen und spätere Außenminister die Auftaktrede. Von Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, wurde Fischer als jemand vorgestellt, der 1999 von deutscher Seite das Eingreifen der NATO im Kosovo durchsetzte.

Fischer begann seine Rede damit, dass er darauf bestand, aus dem Titel seines Vortrags: „Das Ende des Westens, wie wir ihn kannten?“ das Fragezeichen rauszustreichen. Der Westen und seine Eliten seien zutiefst verunsichert angesichts von Brexit, Trump und einer gerade noch einmal vermiedenen Le Pen.

„Für uns steht unser Gesellschaftsmodell zur Disposition“, sagte Fischer.

Der 69jährige Ex-Politiker zeigte sich pessimistisch und zugleich über alle Maßen erleichtert über den Wahlsieg von Macron in Frankreich. Ein Erfolg Marine Le Pens wäre für Fischer definitiv das Ende der westlichen Welt gewesen. Das hätte zu einer „gewaltigen Destabilisierung Europas und zu einer globalen Krise dramatischen Ausmaßes“ geführt. Fischer sprach gar von einer „Selbstzerstörung des Westens“.

Der frühere „Fundi“ bei den Grünen präsentierte sich in seiner Rede als überzeugter Transatlantiker und betonte mehrmals: Der Westen ist transatlantisch. Gerade Westdeutschland konnte nur existieren dank der Sicherheitsgarantien durch die USA. Zu Brexit und Trump konstatierte Fischer:

„Wenn also die Garantiemächte — und ich denke, man kann Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika mit jeder Berechtigung als die Garantiemächte, als die Gründungsmächte des Westens bezeichnen — wenn diese Mächte nun anfangen, sozusagen ihr eigenes Kind, den Westen infrage zu stellen, dann gibt es ein ernstes Problem.“

Fischer: „Die USA sind ihrer global-imperialen Rolle überdrüssig.“

Europa und speziell Deutschland sollten sich da keine Illusionen machen, so der Ex-Außenminister. Und da die USA nun als Schutzmacht langsam wegfallen, müssen Deutschland und Europa mehr zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen.

EU-Präsident Donald Tusk und sein US-amerikanischer Kollege Donald Trump bei NATO Gipfel in Brüssel (Archivbild)© REUTERS/ Jonathan Ernst

US-Karten liegen auf dem Tisch – Europa traut seinen Augen nicht

Man müsse mehr in die Bundeswehr investieren, wenn man nicht nur ein „überteuertes Ersatzteillager“ haben will, so Fischer. Auch Europa muss eine bessere gemeinsame Sicherheitsstruktur haben.

Gleichzeitig beschwor Fischer trotzdem die transatlantische Einheit. Die Truderinger Bierzeltrede, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel beklagte, dass das Vertrauen zu den USA ein Stück weit vorbei sei, hätte Fischer „Schluckauf“ bereitet.

„Es wäre eine Dummheit, wenn wir zerdeppern würden, was in den transatlantischen Regalen noch unbeschädigt ist.“

Europa kann trotzdem nie auf die transatlantische Rückversicherung verzichten, so Fischer.

Ex-Außenminister Joschka Fischer© Sputnik/ Armin Siebert | Ex-Außenminister Joschka Fischer

Fischer äußerte sich ähnlich zu den neuesten deutsch-amerikanischen Verwerfungen angesichts der Russland-Sanktionen:

„Die Entscheidung des amerikanischen Senats über neue Russland-Sanktionen, die Aufregung in Berlin im Auswärtigen Amt und in Wien, die Rhetorik dabei…das sind alles Auswirkungen dieser Krise. Und natürlich gibt es dabei auch einen lachenden Dritten. Es ist nicht allzu schwer, sich die gegenwärtige Stimmung im Kreml vorzustellen.“

Joschka Fischer schreibt Kolumnen für diverse deutsche Zeitungen und hat gemeinsam mit der ehemaligen amerikanischem Außenministerin Madeleine Albright eine Firma als Unternehmensberater gegründet.

Armin Siebert

Quelle: de.sputniknews.com

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